Jugend & Nachwuchsleistungssport

5 Städte in 5 Tagen, unzählige Beobachtungen von Spielerinnen und Trainingseinheiten sowie jede Menge Gespräche mit Trainerinnen und Trainern – ein echter Sichtungsmarathon. Der verantwortliche Bundestrainer für den weiblichen Nachwuchsbereich beim Deutschen Basketball Bund (DBB) Stefan Mienack war auf WBV-Tour. Sein Fazit im Interview.

Recklinghausen, Leverkusen, Köln, Herne und Rhöndorf – Sie sind ganz schön herumgekommen. Wie ist ihr Eindruck vom weiblichen Nachwuchs im größten deutschen Basketball-Verband?
Stefan Mienack: Gerade in Nordrhein-Westfalen ist durch die Masse der Vereine immer sehr viel Potenzial vorhanden. Im Spielbetrieb der U14, U16 sowie in den WBV-Leistungsligen sind viele Jugendliche unterwegs und da sind natürlich auch viele interessante Kinder dabei. Das hat sich in den vergangenen Jahren auch immer wieder in den Landesauswahlteams gezeigt, die ich beim Bundesjugendlager zu Gesicht bekomme. Also, ich bin da sehr guter Dinge für die Zukunft.

Gibt es hoffnungsvolle Talente?
Stefan Mienack: Also, wenn wir jetzt darüber reden, ob jemand talentiert ist für die nationale Spitze und infrage kommt, für das Bundesjugendlager gesichtet zu werden, wird es in jedem Jahrgang definitiv mehrere Spielerinnen geben, die dafür infrage kommen. Wenn wir darüber reden, wer kann bereits zu einem frühen Zeitpunkt vielleicht den Weg zur Jugendnationalmannschaft gehen, wird es bestimmt auch einige Kandidatinnen geben, gerade jetzt beim Jahrgang 2002, den wir ja schon letztes Jahr im Oktober gesichtet haben. Wenn man über Talente mit internationalem Format spricht, muss man schon ganz genau schauen, wer da eventuell eine große Zukunft vor sich haben könnte. Es ist immer schwierig so etwas ohne eine Jugend-EM-Teilnahme vorauszusagen.

Das heißt, Sie bewerten die Arbeit der Vereine und des WBV durchaus als positiv?
Stefan Mienack: Ich glaube, dass der WBV eine wirklich sehr, sehr gute Arbeit macht. Ich glaube, das ist auch nicht so einfach, allen gerecht zu werden, weil der Landesverband auch sehr groß ist. Es gibt viele Standorte, wo ich jetzt zu Besuch war, und da arbeitet auch jeder Standort unterschiedlich. Also, man kann zum Beispiel das Modell in der Kooperation zwischen Opladen und Rhöndorf nicht vergleichen mit einem Standort wie Herne oder Recklinghausen. Da haben alle einen anderen Ansatz, am Ende haben sie das gleiche Ziel, nämlich die Spielerinnen besser zu machen und die Talente zu fördern, die regional dort sozusagen vorhanden sind.

Was könnte noch besser laufen? Wo hapert es noch?
Stefan Mienack: Ich glaube, in der Zusammenarbeit der Vereine liegt zugleich die Schwäche und das Potenzial. Wenn die Vereine noch mehr aufeinander zugehen würden und noch mehr im Sinne der Athletinnen zusammenarbeiten würden, dann würde da noch mehr als jetzt schon bei rumkommen glaube ich. Es ist auch ein bisschen eine Identifikationsfrage, weil wie bereits angesprochen, jedes Projekt hat da seine eigene Identifikation oder entwickelt stetig seine eigene Identifikation weiter, und ich glaube, dass man sich da noch viel mehr verknüpfen müsste, aufeinander zugehen müsste und dann auch gemeinsam noch im Sinne des Leistungssportes viel mehr Dinge in die richtige Richtung bewegen kann, als man es jetzt schon macht.

Immer wieder hört man, dass zu wenig Mädchen Basketball spielen. Was muss passieren, damit mehr Mädchen Basketball spielen?
Stefan Mienack: Ich glaube, dass über die Neuauflage des Projekts „Come on Girls“ des DBB neuer Schwung in die ganze Geschichte reinkommt. Man darf nicht nur über Schul-AGs kommen, wie es ja jetzt auch über viele Richtlinien gefordert wird, sondern das Spannende ist letztendlich, diese Mädchen dann auch in die Vereine zu bekommen. Generell ist es heutzutage schwierig, Kinder und Jugendliche für Sport zu begeistern, konstant für Sport zu begeistern. Es geht auch darum, ganz, ganz früh – vielleicht auch schon in der ersten und zweiten Klasse – eine grundlegende Ausbildung in vielen Bereichen zu legen und da zu versuchen, die Kinder für Sport allgemein zu begeistern. Würden mehr Kinder überhaupt Sport treiben, dann würden auch mehr Mädchen eventuell beim Basketball landen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den WBV-Landestrainern?
Stefan Mienack: Also, ich muss ganz ehrlich sagen, dass die Zusammenarbeit mit den beiden Landestrainern Michael Kasch und Razvan Munteanu wirklich sehr gut läuft, und dass ich auch sehr zufrieden bin damit, wie sie die Sachen angehen. Ich bin sehr froh, dass die beiden da sind und ihren Job machen und sich jeden Tag für den Basketball engagieren.

Wann werden die deutschen Damen Olympiasieger?
Stefan Mienack: Ich glaube, dass wir im weiblichen Nachwuchsbereich in den letzten paar Jahren viele entscheidende Schritte in die richtige Richtung gemacht haben. Jetzt ist natürlich die nächste Phase angesagt, nämlich, dass wir das Ganze stabilisieren. Wir sind jetzt erstmals überhaupt mit allen drei Mannschaften in der A-Gruppe U20, U18 und U16 und haben auch in der U16 die letzten Jahre immer wirklich akzeptable Platzierungen erzielt, wenn nicht sogar überragende Platzierungen mit der Silbermedaille 2016 oder letztes Jahr mit der sechsten Platzierung. Das wir dann an so etwas wie einer Qualifikation zur U17 Weltmeisterschaft kratzen, zeigt sich ja auch, dass sich da etwas tut. Ich glaube, dass es jetzt wichtig ist, dass die Jahrgänge, die nachkommen, wie 2002, 2003, 2004, an die Leistung ihrer Vorgängerinnen anknüpfen, und dass man dann nach oben hinaus auch konstant auf einer A-Europameisterschaft vertreten ist. Dann bin ich schon ziemlich sicher, dass sich das über die Jahre auch in der Damen-Nationalmannschaft niederschlagen wird. Also Olympia 2020 wird, glaube ich, sehr schwierig werden und alles, was danach kommt, ist eine Frage von Qualität und Entwicklung.


v. l. n. r Stefan Mienack (Bundestrainer für den weiblichen Nachwuchsbereich beim Deutschen Basketball Bund), Martin Solzbacher (Trainer und Lehrer am Hagerhof), Martin Otto (Trainer, Koordinator und Lehrer am Hagerhof), Mike Kasch (WBV-Landestrainer)

Das Interview führte Rüdiger Tillmann

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Westdeutschen Basketball Verband